Hammelburg. Wie entstehen politische Entscheidungen, und welche Rolle spielen dabei Gefühle und unbewusste Denkprozesse? Mit diesen Fragen beschäftigte sich eine gut besuchte Veranstaltung von Europa-Union, Volkshochschule (VHS) und Aktionskreis Demokratie. Unter dem Titel ging es um die zunehmende Spaltung und Emotionalisierung der Gesellschaft und um die Frage, ob demokratische Prozesse an den Grenzen unseres Gehirns scheitern können.
Reinhard Schaupp, Bezirksvorsitzender der Europa-Union Unterfranken, stellte in seinem Vortrag die Erkenntnisse der Neuropolitik vor. Dabei ging er insbesondere der Frage nach, wie unser Denken und Fühlen politische Entscheidungen beeinflussen.
Ein grundlegendes menschliches Bedürfnis sei das Streben nach Sicherheit. Dieses sei tief in unserer Entwicklungsgeschichte verankert. Demokratische Entscheidungsprozesse seien dagegen zwangsläufig von Unsicherheit geprägt: Unterschiedliche Interessen, Meinungen und gesellschaftliche Entwicklungen müssten ausgehandelt werden. Wo zugleich das Vertrauen in politische Institutionen schwinde und einfache Opfer- und Schuldzuweisungen an die Stelle differenzierter Erklärungen träten, könnten populistische Bewegungen leichter Zustimmung gewinnen.
Schaupp sprach in diesem Zusammenhang von einem „Realitätskampf um unsere Gehirne“. Populistische Kommunikation könne sich die Funktionsweise unseres Gehirns zunutze machen, indem sie komplexe Zusammenhänge auf einfache Botschaften reduziere, starke Emotionen anspreche und beispielsweise Wut auf vermeintliche „Eliten“ verstärke.
Anhand neurowissenschaftlicher Erkenntnisse erläuterte der Referent, dass Moral, Emotionen, Handlungen und politische Entscheidungen in einem komplexen Zusammenspiel verschiedener Bereiche unseres Gehirns entstehen. Während emotionale Reaktionen stark durch ältere Gehirnstrukturen geprägt seien, spielten die später entwickelten Bereiche des Stirnhirns unter anderem bei der Verarbeitung von Informationen und der Kontrolle von Handlungen eine wichtige Rolle.
Eine zentrale These des Abends lautete, dass die Aufklärung die Bedeutung rationaler Erkenntnis möglicherweise überschätzt habe. Die emotionalen Bedürfnisse des Menschen seien dabei nicht ausreichend berücksichtigt worden. Gerade für die Demokratie sei es deshalb wichtig, das Zusammenspiel von Vernunft, Emotionen und politischer Kommunikation besser zu verstehen.
Zum Abschluss formulierte Schaupp eine zentrale Schlussfolgerung: „Wer Demokratie erhalten will, muss verstehen, welche Denk- und Gefühlsmuster sie gefährden und welche sich verändern lassen.“
Die anschließende Diskussion zeigte, dass die Frage nach dem Einfluss von Emotionen auf politische Entscheidungen viele der Teilnehmerinnen und Teilnehmer beschäftigte. Der Abend machte deutlich, dass Demokratie nicht allein von Institutionen und Regeln lebt, sondern auch davon, wie Menschen Informationen aufnehmen, Gefühle verarbeiten und politische Entscheidungen treffen.